Kognitive Verzerrung – ein mächtiger Stolperstein in der Verhaltensänderung

Kognitive Verzerrung – ein mächtiger Stolperstein in der Verhaltensänderung

Die Bezeichnung Kognitive Verzerrung (englisch: cognitive bias) ist ein Begriff aus der Kognitionspsychologie. Als Sammelbegriff steht er für die Neigung zu systematischen Fehlern in Wahrnehmung, Erinnerung, Denken und Urteilen. Oft bleiben diese Fehler unbewusst. Der Zusammenhang von kognitiven Heuristiken und kognitiver Verzerrung wurde bereits 1974 beschrieben (Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 1974, D. Kahneman, P. Slovic, A. Tversky). Im Zusammenhang mit psychischen Störungen wurde der Begriff cognitve distortion bereits 1967 von A.T. Beck beschrieben. 

Laut Wikipedia ist Heuristik die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen. Es bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen über ein System mit Hilfe mutmasslicher Schlussfolgerungen Aussagen über das System getroffen werden. Vereinfacht gesprochen handelt es sich also um Abkürzungen in unserem Denken. Notwendig sind diese Abkürzungen, um mit der immensen Flut an Daten zurechtzukommen, die alltäglich auf uns einströmen. Selbst in prähistorischer Zeit war es nicht menschenmöglich alle Informationen bis zum letzten Schluss zu analysieren und Konsequenzen ausreichend gegeneinander abzuwiegen. Sollte es doch Menschen gegeben haben, die diesem Versuch erlagen, wurden sie schnell vom Säbelzahntiger aus dem Genpool entfernt.

Nach Daniel Kahneman können unsere kognitiven Prozesse in zwei Systeme unterteilt werden. Da ist als erstes unser Autopilot, der ohne willentliches Zutun autonom und schnell arbeitet. Das zweite System stellt dann unser rationales, sequenzielles und dadurch langsames Denksystem dar. Das eine sichert unser Überleben angesichts einer unmittelbaren Gefahr, das andere führt zu wohlüberlegten Entscheidungen, Innovationen und damit letztlich (wahrscheinlich) zu Kultur und Entwicklung im sozialen und ökonomischen Sinn. 

Verhaltensänderung ist eine Art Persönlichkeitsentwicklung. Wir erlernen Wissen und Fähigkeiten und wollen beides zur Anwendung bringen. Doch warum fällt es uns oft so schwer unser Verhalten oder unsere Gewohnheiten zu ändern? Eine Antwort gibt die moderne Gehirnforschung, die die Entwicklung unserer Persönlichkeit auf vier Ebenen unseres Gehirns sieht (genetisch determinierte vegetativ-affektive Steuerung, frühkindliche emotionale Konditionierung, limbisches System und präfontaler Cortex) und zur persönlichkeitsorientierten Verhaltensbeeinflussung kommt. Dazu gehört, zumindest in Teilen, die Kenntnis um die Persönlichkeitstypen und den Umgang mit ihnen. 

Unabhängig vom Persönlichkeitstyp stellen kognitive Verzerrungen in allen Fällen mögliche Stolpersteine in der Verhaltensänderung dar. Nämlich immer dann, wenn uns unser Autopilot auf eine vermeintliche Abkürzung schickt und unser rationales Denksystem nicht rechtzeitig eingreift. In diesem Zusammenhang stellen sich zwei Fragen:

  1. Hilft mir das Wissen um meine kognitiven Verzerrungen?
  2. Kann ich meine kognitiven Verzerrungen beeinflussen?

Die mutmassliche Antwort auf beide Fragen lautet: Nein. 

Leider sieht es so aus als wäre Wissen an dieser Stelle machtlos (Frage 1) und unser Autopilot (genauer unsere vegetativ-affektive Steuerung gepaart mit der frühkindlich-emotionalen Konditionierung) sehr widerstandsfähig gegenüber Beeinflussungen (Frage 2).

Frage 1 ist Gegenstand der Arbeiten von L.R. Santos und T. Gendler, beides Professorinnen an der Yale University. In ihrer Arbeit haben sie den Begriff G. I. Joe Fallacy (fallacy engl. für Irrtum) geprägt. Der Begriff geht auf eine Kinderserie in den USA zurück, in der die namensgebende Figur G. I. Joe am Ende jeder Folge Verhaltensregeln z. B. für den Strassenverkehr oder den Umgang mit Fremden etc. abgibt. Am Ende folgte dann immer der Satz: Now you know. And knowing is half the battle.

Kowing is Half the Battle ist auch der Titel einer vielbeachteten Publikation der beiden Professorinnen (erscheinen in: This Idea Must Die: Scientific Theories That Are Blocking Progress (Edge Question Series), Herausgeber J. Brockmann, 2014). Darin kommen die beiden zu der Aussage, dass Wissen selten der zentrale Faktor ist, wenn es um die Kontrolle unseres Verhaltens geht. So lassen wir uns bei der Preisgestaltung von Schwellenpreisen (19.99 statt 20.00) beeinflussen und beurteilen Bewerber nach ihrem Bild im Lebenslauf um hier nur zwei Beispiele anzuführen. Wer das so nicht glauben mag, kann einen ganz einfachen Selbsttest durchführen. Viele werden die Müller-Lyer Illusion kennen:

Obwohl wir wissen, dass beide Linien innerhalb der Pfeile gleichlang sind, sagt uns unser Gehirn etwas anderes. Und in gleicherweise sitzen wir tagtäglich anderen Illusionen auf – meistens dann, wenn unser Autopilot eine Abkürzung nimmt und wir es nicht merken. 

Frage 2 ist Fokus der Arbeit von P. Forscher, der u. a. in A meta-analysis of procedures to change implizit measures (Journal of Personality and Social Psychology, 117(3), 522–559) nach der Meta-Analyse von 492 Studien mit in Summe 87’418 Studienteilnehmern zu dem Schluss kommt, dass man zwar kognitive Verzerrungen kurzfristig ändern kann, diese Änderungen aber nicht zu langfristig messbaren Verhaltensänderungen führen.

Bei Verhaltensänderungen stellt uns also nicht selten unser Autopilot ein Bein. Das wissen wir nun, genauso wie wir wissen, dass wir die zugrundeliegenden kognitiven Verzerrungen nicht in dem Masse beeinflussen können, dass eine Verhaltensänderung leichter würde. Egal, ob es in Unternehmen um die Gleichstellung der Geschlechter geht oder im Privaten um eine Umstellung zu einem gesünderen Life Style. 

Was kann man nun mit diesem Wissen anfangen? Zum einen wird offensichtlich, dass Veränderung in der Regel ein komplexer Prozess ist, bei dem einige Hürden überwunden werden müssen. Zum anderen, sollte klar werden, dass es für komplexe Probleme keine einfachen, schnellen Lösungen gibt, die nachhaltig zum Ziel führen. Vorgehen, die trotzdem einen schnellen Erfolg versprechen sind mit äusserster Vorsicht zu geniessen. 

Welche Möglichkeiten der Veränderung es gibt und wie man nachhaltig seine Ziele erreichen kann, das soll Gegenstand eines meiner kommenden Beiträge werden. 

Abschliessen möchte ich mit den letzten Zeilen aus der oben erwähnten Publikation von Santos und Gendler:

Knowing is not half the battle for most cognitive biases, including the G. I. Joe Fallacy. Simply recognizing that the G. I. Joe Fallacy exists is not sufficient for avoiding its grasp.

So now you know. And that’s less than half the battle. 

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